Würdet ihr eine Bierprobe eher vor einer Holzwand oder in eurem Büro stattfinden lassen? Wir würden uns wahrscheinlich für einen ganz anderen Ort entscheiden (Bierprobe am Flussufer, anyone?). Aber für die Qualität sind ja dann doch andere Faktoren wichtiger.
In den Bierproben, um die es heute geht, sind wir auch einfach gemütlich auf unserem Sofa gesessen. Nur die Profis, die hatten sich die erwähnten Kulissen ausgesucht.
Nachdem wir den Umständen geschuldet eine Weile auf unsere Bierproben in geselliger Runde verzichten mussten, haben wir uns im Februar entschlossen zu schauen, wie die Experten so ein Tasting organisieren. Onlinebierproben scheinen ja gerade sehr beliebt zu sein, also haben wir uns ein bisschen umgesehen und spontan ein Verkostungspäckchen bei Störtebeker bestellt. Wenn nichts Selbstgebrautes da ist, ist deren Atlantik Ale schon eines unserer liebsten Alltagsbiere, also waren wir natürlich auf die versprochene (hopfige!!) Neuvorstellung gespannt.
Zwei weitere Bierabende auf dem Sofa folgten und die entstandenen Eindrücke wollen wir euch natürlich nicht vorenthalten.
Folgendes Programm haben wir durchlaufen:
- Störtebeker “Pazifik Ale”
- Beyond Beer “Kemker Kultuur”
- Störtebeker “Traininslager: Hopfenweisse”
Es gab dabei jeweils ungefähr eine Handvoll Bier zu probieren. Die musste man sich vorher beim Anbieter kaufen, an den Livestream zur Verkostung kommt man theoretisch auch so. Aber wer will das schon schon anschauen, ohne etwas dabei zu trinken, und wahrscheinlich wollen die a) dabei was verdienen und b) später noch mehr verdienen, weil uns die Biere so gut geschmeckt haben.
Unterschiedlicher Anspruch #
Dabei ist vorab zu sagen, dass die Runden alle einen etwas anderen Anspruch hatten und grundlegend ein bisschen anders aufgebaut waren. Das Trainingslager Hopfenweisse zum Beispiel sollte den Stil genauer vorstellen. Außerdem kamen eine Reihe Biermacher zu Wort, um der geneigten Heimbrauerin ein paar Tipps für die anstehende Meisterschaft der Hobbybrauer auf den Weg zu geben. Hier war also der Lehrauftrag Teil des Programms, während es bei Beyond Beers Tasting eher darum ging, den Zuschauern Kemkeer Kultuur näherzubringen.
Spaß gemacht haben alle auf ihre Weise, aber natürlich haben uns ein paar Sachen hier und da besser gefallen.
Von der Aufmachung und Bildqualität lag Störtebeker klar vorn. Bei Beyond Beer konnte man leider streckenweise fast nichts verstehen, die Bildqualität war eher Mittelfeld und das Setup wirkte im Vergleich etwas lieblos. Es muss nicht die eingangs erwähnte Profiholzkulisse aus Stralsund sein, im Gegenteil, so ein bisschen privates Ambiente wie bei Kemkeer direkt macht es schon irgendwie einladender.
Nun haben wir die zwei von Beyond Beer aber am Schreibtisch angetroffen, was im ersten Moment so wirkte, als würde man sie bei der Arbeit stören. Viel mehr noch hat uns aber tatsächlich der schlechte Ton verwundert - immerhin hatten alle schon eine Weile vorher zusammengesessen und es war nicht einmal Beyond Beers erste Veranstaltung.
Wer viele Fragen beantwortet bekommen wollte war allerdings wirklich gut bei Beyond Beer aufgehoben. Zwar gab es hier weniger Einleitung als bei Störtebeker und man hätte sich ab und zu gewünscht, besser mitgenommen zu werden, aber sie bekommen einen Haufen Pluspunkte für die gute Chatmoderation.
Wie ein Podcast #
Wir konsumieren diese Bierverkostungen ähnlich wie Bierpodcasts. Der Hauptunterschied dürfte darin liegen, dass wir bei den Bierverkostungen auf dem Sofa Bier getrunken haben und die Podcasts in der Regel beim Joggen hören. Die Informationen, die wir mitnehmen, ähneln einander. Bei den Verkostungen können wir dafür gleich nachprüfen, ob die Menschen auf dem Bildschirm mit ihren Einschätzungen recht haben. Beyond Beer stürzt sich in der Regel auf eine Brauerei (wenn sie die im Sortiment haben, wegen verkaufen und so), Störtebeker stellt Bierstile vor (sofern sie da selber etwas Passendes im Sortiment haben, wegen verkaufen und so). Unsere präferierten Podcasts HHopcast und Craft Beer & Friends haben eine ähnliche Aufteilung.
Zum Selberbrauen taugen vielleicht die Stilvorstellungen mehr. Wir haben gerade wegen der Schludrigkeit unseres Lagerverantwortlichen viel zu viel Weizenmalz, insofern war die Folge zur Hopfenweisse sehr passend. Da kamen eine Reihe interessanter Links wie das How-To zu Weizenbieren von GradPlato oder das Bier-Aromarad. Auch die Ferula-Rast war uns bisher entgangen – die macht, dass ein gewisse Chance besteht, mehr Nelken als Banane in seinem Bier zu finden. Dazu gab es Einspieler und Live-Interviews mit den Brauereien – mit sehr schwankender Qualität.
Sich eine Folge lang auf eine Brauerei zu konzentrieren, erlaubt natürlich tiefergehende Fragen zur deren Prozessen. Kemker Kultuur beispielsweise hatten viel über ihre Kräuter erzählt. Zum Beispiel sammeln sie den Löwenzahn für ihre Gruut in ihrem Garten und mit Rosmarin muss man sehr vorsichtig sein: im Grammbereich für Würze im Hektoliterbereich.
Nach all dem Gerede interessieren euch jetzt sicher noch die eigentlichen Bierprobeninhalte und unsere Bewertungen. Fangen wir also fein chronologisch mit der Reihe “Pazifik Ale” an:
Online-Verkostung “Pazifik Ale” #
Folgende Biere gab es zu trinken (ohne Bepunktung):
| Störtebeker Atlantik Ale | Irgendwie bei uns schon ein Klassiker, nicht so fruchtig wie gewohnt, eher trocken. Vielleicht eine ältere Flasche? |
| Belhaven Brewery Scottish Ale | Schmeckt ein wenig nach kaltem Rauch, der schon lange in der Luft gestanden hat; weniger malzig als die Farbe verspricht. Malzig, aber nicht mastig, eher leicht. Das liegt wohl am Terrain. |
| Störtebeker Pazifik Ale | Riecht sehr fruchtig: Ananas, Aprikose, Maracuja, Mango, auch im Geschmack sehr fruchtig |
| Delirium Tremens | Riecht bananig, sehr schwer; schmeckt auch ein wenig nach Mandel |
| Lemke Black Rye IPA | Schmeckt wie ein Kohleblock. Wenn man es im Mund aufschäumt, schmeckt es ein bisschen wie Erdbeerschokolade. Riecht im ersten Moment hopfig, das verfliegt aber sehr schnell |
Als nächstes kommt die “Kemker Kultuur”
Online-Verkostung “Kemker Kultuur” #
| Jan | Julia | |
| Fröjaor | 60 | 72 |
| Aoltbeer | 59 | 65 |
| Maoleri | 59 | 63 |
| Winter | 73 | 68 |
Fröjaor: sauer & gerstig. Hat keine Kohlensäure, das soll so sein, täte dem Bier aber nicht schlecht. Es ist ein Gruutbier mit Hopfen und Löwenzahn, von denen man aber nichts schmeckt
Aoltbeer: wohl eine alte Biersorte aus dem Münsterland. Alte Pflaumen sind das primäre Geschmackserlebnis. Hat uns an Rotwein erinnert.
Maoleri: Aoltbier mit Cider; langweiliger als die vorigen Jahreszeiten (jaja, die Biere waren saisonal sortiert!).
Winter: Uns wurde Rosmarin versprochen. Und das Versprechen wurde gebrochen. Bitterer als der Rest, so ein bisschen was von Ramazzoti
Und zuletzt das Trainingslager: Hopfenweisse
Online-Verkostung “Trainingslager: Hopfenweisse” #
| Jan | Julia | |
| Störtebeker Bernstein Weizen | 70 | 70 |
| Karg Staffelsee Gold | 70 | 72 |
| Weihenstephan Vitus | 80 | 71 |
| Schneider Hopfenweisse | 95 | 87 |
| Lemke Weizenbock IPA | 67 | 65 |
Störtebeker Bernstein Weizen: da haben wir irgendwie eine schlechte Flasche erwischt. Also das Bier hat gut geschmeckt, relativ unspektakulär, aber die Nase war brutal metallisch.
Karg Staffelsee Gold: wieder unangenehm in der Nase, relativ bitter so nach dem ersten, wird dann bananiger im Laufe des Glases
Weihenstephan Vitus: volle Banane, hinten weich, nicht so herb, hat was Würziges (Nelke, Muskat), aber die Banane dominiert
Schneider Hopfenweisse: das erste, das nicht eklig riecht und Jans Lieblingsbier (das stimmt nicht ganz, aber schon ziemlich weit oben). Stark und hopfig, aber sehr ausgewogen. Erwähnenswert: das was sozusagen der Sprung in die hopfige Weißbierwelt, die davor waren schon eher klassisch.
Lemke Weizenbock IPA: Ja, den Lemke, mit dem werden wir nicht so richtig warm. Bei diesem Bier hatten wir zuerst etwas rauchiges in der Nase, es ist relativ malzig, also nicht so balanciert wie der Schneider TAP 5.